Mit vierundsechzig habe ich angefangen, samstags allein frühstücken zu gehen — und an dem Tag, als mein Mann beschloss, mich einfach zu begleiten, ohne zu fragen, merkte ich, dass ich das gar nicht wollte.
Ich heiße Traudl, bin vierundsechzig und lebe in Regensburg, in einer Wohnung mit Blick auf die Dächer der Altstadt, wo im Herbst der Wind die Kastanien vom Baum vor unserem Hauseingang fegt. Mit meinem Mann Manfred bin ich seit einunddreißig Jahren verheiratet. Unsere Tochter ist längst ausgezogen, wohnt in Nürnberg, und seitdem ist bei uns zu Hause eine Ruhe eingekehrt, die ich früher nicht kannte. Manfred und ich, wir kommen gut miteinander aus. Samstags gehen wir oft zusammen auf den Wochenmarkt, sonntags gibt es Braten bei uns oder wir fahren zu seiner Schwester. Kein Zoff, keine Dramen. Eigentlich alles in Ordnung.
Angefangen hat es an einem Samstag im März, eher aus Zufall. Manfred hatte einen frühen Termin beim Kegeln mit seinen alten Kollegen, ich sollte noch Brötchen holen und bin dabei an einem kleinen Café in unserer Straße vorbeigekommen — eins von diesen Läden, die noch echten Filterkaffee in der Kanne servieren und nicht nur Latte macchiato aus dem Vollautomaten. Ich bin einfach reingegangen. Habe einen Milchkaffee bestellt und ein Rührei mit Speck, mich an den Tisch am Fenster gesetzt, direkt neben die alte Zimmerpflanze, die schon bessere Tage gesehen hat. Bin fast eine Stunde sitzen geblieben. Habe die Mittelbayerische gelesen, die auf dem Nachbartisch lag, den Leuten beim Vorbeigehen zugeschaut, mit niemandem geredet. Es hat mir gutgetan. Richtig gutgetan.
Den nächsten Samstag bin ich wieder hin. Und dann noch einen. Irgendwann war es einfach meine Gewohnheit: kurz die Haare richten, Handtasche schnappen, um neun aus dem Haus. Die Kellnerin, eine junge Frau namens Steffi, wusste bald, was ich trinke, ohne dass ich bestellen musste. Manchmal hatte ich ein Buch dabei, manchmal habe ich nur aus dem Fenster geguckt und nachgedacht. Als ich es Manfred erzählt habe, hat er nur gelacht. „Na, jetzt hast du dein Frühstück wie eine feine Dame." Es hat mich nicht gestört. Monatelang war das mein kleiner Freiraum, ganz für mich allein.
Bis zu dem Samstag, an dem ich schon in der Tür stand und die Jacke anzog, und Manfred plötzlich sagte: „Warte, ich komm mit." Meine erste Reaktion war: „Wieso denn?" Er guckte überrascht. „Na, um mit dir zu frühstücken." Ich hatte keinen vernünftigen Grund, nein zu sagen. Also sind wir zusammen hin.
Auf dem ganzen Weg hat er geredet. Im Café hat er einen anderen Tisch ausgesucht, weil meiner angeblich zu nah an der Tür war. Hat Steffi schon zu sich gewinkt, bevor sie überhaupt an unseren Tisch kam. Hat mir Fotos auf dem Handy gezeigt, kommentiert, wer da reinkommt und wer wieder geht. Er hat nichts falsch gemacht, wirklich nicht. Aber ich saß da und konnte diesen Moment einfach nicht genießen.
Die Woche drauf wollte er wieder mitkommen. Ich habe gesagt, ich würde lieber allein gehen. Da wurde er ernst. „Nervt es dich, mit mir zusammen zu sein?" Ich habe versucht, es ihm zu erklären — dass es damit überhaupt nichts zu tun hat. Er hat mir nicht zugehört, sondern die Kaffeetasse genommen, die noch von seinem Frühstück auf dem Tisch stand, und sie mit einem Knall in die Spüle gestellt. „Dann sag doch gleich, dass ich zu Hause besser aufgehoben bin." Ich habe gesagt, dass es nicht so gemeint ist. Er hat den Wasserhahn aufgedreht, die Tasse ausgespült, obwohl sie längst sauber war, und dabei kein Wort mehr gesagt. So kenne ich ihn kaum. Erst als das Wasser wieder abgestellt war, hat er gesagt: „Du kannst doch auch zu Hause allein sein." War aber nicht dasselbe. Zu Hause war immer irgendwas: die Waschmaschine, ein Anruf, das Bett, das noch gemacht werden musste, die Fenster, die geputzt gehörten. Im Café war ich nicht Manfreds Frau, nicht die Mutter von irgendjemandem, nicht jemand, der seine Zeit sinnvoll nutzen musste. Ich habe einfach nur gefrühstückt.
Ein paar Tage lang herrschte zwischen uns diese absurde Distanz — wegen einer Portion Rührei. Er hat beim Abendessen kaum geredet, ist früher ins Bett gegangen als sonst, hat morgens die Zeitung so vor sich aufgeschlagen, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Ich war sauer, weil ich das Gefühl hatte, selbst eine Stunde in der Woche müsste jetzt zur gemeinsamen Aktivität werden. Eines Abends, als er wieder wortlos hinter seiner Zeitung saß, habe ich sie ihm einfach aus der Hand gezogen und gefragt, ob er wolle, dass ich jeden Samstag mit zum Kegeln komme, zu seinen Kumpels. Er hat sie mir entrissen und knurrte: „Du kannst doch gar nicht kegeln." „Macht doch nichts. Ich komm einfach mit, setz mich daneben und rede mit dir, während du spielst." Da ist ihm die Zeitung aus der Hand gerutscht, auf den Küchentisch, mitten in die Kaffeetasse. Er hat sie gar nicht mehr aufgehoben. Er hat nur dagesessen und zugegeben, dass er seine Kegelabende nie als Zeit „ohne mich" gesehen hatte. Für ihn war das einfach: seins.
Seitdem gehe ich wieder allein. Manchmal begleitet Manfred mich, aber dann fragt er vorher. Und manchmal sage ich ja. Das Merkwürdige ist: Wenn ich die Wahl habe, genieße ich seine Gesellschaft viel mehr als vorher.
Im Sommer, an unserem Hochzeitstag, habe ich ihm angeboten, ihn „in mein Café" mitzunehmen. Steffi hat uns zwei Milchkaffee gebracht, und Manfred hat sich genau an meinen Stammtisch gesetzt. Bevor er auch nur ein Wort gesagt hat, fragte er: „Darf ich heute wirklich mitkommen?" Wir haben beide gelacht. Aber diese Frage hat mir gutgetan.
Ein paar Wochen später saß ich wieder allein da, ein ganz normaler Samstag, Nieselregen draußen, Steffi wischte den Nebentisch ab und erzählte im Vorbeigehen, dass ihr Freund sie zum Umzug nach Landshut überreden wolle. Sie habe ihm gesagt, sie ziehe mit, aber nur, wenn sie sich dort auch ihr eigenes Café suchen dürfe, einen Ort ganz für sich, sonst würde sie es keine drei Monate aushalten. Ich habe ihr zugehört und meinen Kaffee umgerührt, ohne viel zu sagen. Dabei ist mir aufgefallen: Manfred hat inzwischen aufgehört zu fragen, ob ich ihn vermisse, wenn ich hier sitze. Er fragt jetzt, ob er dazukommen darf.
An dem Samstag, als ich nach Hause kam, lag die Kegelbahn-Tasche schon gepackt am Türrahmen, Manfred im Flur, Schuhe schon an. „Bin gleich weg, die Jungs warten." Ich habe ihm zum Abschied kurz über den Arm gestrichen, bin in die Küche gegangen und habe mir noch einen Kaffee gemacht — den zweiten an diesem Vormittag, einfach weil ich Lust darauf hatte, und weil niemand da war, der mich danach fragte, warum.
