Ich stehe in der Küche meiner Mutter und sehe den Zettel, den sie an den Kühlschrank geklebt hat: „Tierarzt Donnerstag 14 Uhr". Daneben ein Foto von mir als Kind, mit einem Golden Retriever, den ich nie mochte. Der Hund ist längst tot, aber meine Mutter hat das Foto nie abgenommen.
Es ist Oktober, die Blätter liegen wie nasse Lappen auf dem Hof. Ich bin mit meinem alten Passat hergefahren, die Reifen haben kaum noch Profil, aber ich musste kommen. Kevin, mein Sohn, hat mich heute Morgen um sechs angerufen. Seine Stimme klang dünn, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. „Papa, die Typen stehen vor meiner Tür. Die sagen, wenn ich bis Freitag nicht zahle, nehmen sie mein Auto und dann meine Finger." Er hat Schulden. 48.000 Euro. Online-Casino, Kredite, Konsumschulden. Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat, aber er schafft es immer, die Schuld bei anderen zu suchen.
Meine Mutter kommt aus dem Garten, in der Hand einen Korb mit Äpfeln. Sie ist 78, trägt eine alte Wolljacke mit Löchern an den Ärmeln. Ihr Gesicht ist sonnengegerbt, die Hände rau. Sie sieht mich, und ihr Mund wird schmal. „Du bist früh da."
Ich versuche ruhig zu bleiben. „Mama, wir müssen reden. Es geht um das Haus."
Sie stellt den Korb ab, setzt sich auf die Bank am Küchentisch. „Das Haus ist nicht zu verkaufen. Das habe ich dir schon letzten Monat gesagt."
„Es geht nicht um Verkaufen. Es geht um eine Hypothek. Wir nehmen eine kleine Hypothek auf, nur 50.000. Du kannst weiter hier wohnen, solange du willst. Ich zahle die Raten ab."
„Und warum solltest du das tun?" Sie sieht mich an, und ich wünschte, ich könnte lügen.
„Weil Kevin Schulden hat. Er braucht das Geld. Die Typen sind hinter ihm her."
Sie schweigt. Ich höre die Uhr an der Wand ticken. Sie hat diese Uhr seit dreißig Jahren, sie geht immer noch, aber sie hängt schief.
„Kevin hat sich das selbst eingebrockt", sagt sie schließlich. „Er ist erwachsen. Er soll arbeiten."
„Das ist leicht gesagt, wenn man hier sitzt, zwischen Hühnern und Katzen. Aber da draußen ist die echte Welt, Mama. Die holen ihn sich."
„Dann soll er zur Polizei gehen."
Ich schlage mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Teekanne klappert. „Verdammt noch mal, begreifst du nicht? Ich will nicht, dass er verletzt wird. Ich bin sein Vater."
Meine Mutter steht auf, geht zum Herd, dreht das Gas auf. „Möchtest du Tee?"
„Nein, ich will keinen Tee. Ich will, dass du mir zuhörst. Das Haus ist zu groß für dich. Du könntest zu uns ziehen. Wir haben ein Zimmer frei."
„Das Zimmer, in dem dein Sohn seine Wäsche stapelt? Ich war einmal dort, erinnerst du dich? Die Matratze war durchgelegen, und ich konnte nachts die Autobahn hören. Ich will nicht in die Stadt. Ich will hier bleiben, bei meinen Tieren."
„Tiere! Immer diese Tiere. Ein alter Hund, der kaum noch laufen kann, drei Katzen, die überall hinpinkeln, und Hühner, die nichts mehr legen. Du hast mehr Mitleid mit denen als mit deinem eigenen Enkel."
„Sie verlangen nicht, dass ich mein Zuhause verliere. Sie sind dankbar für das Futter, das ich ihnen gebe. Kevin hat mich seit zwei Jahren nicht einmal angerufen. Nur wenn er Geld braucht, höre ich von ihm. Und dann überbringst du die Nachricht. Wie ein Briefträger."
Das sitzt. Ich spüre, wie mir heiß wird. „Du bist wirklich herzlos. Dein Enkel wird vielleicht zusammengeschlagen, und du denkst an deine Katzen."
„Ich denke an mein Leben. Und ich habe ein Recht darauf. Du hast mir nichts zu sagen. Du bist gegangen, als du achtzehn warst, und hast dich nie um dieses Haus gekümmert. Jetzt kommst du zurück und willst es verscherbeln, weil dein Sohn zu viel Geld verzockt hat. Nein."
Ich sehe die Fotos an der Wand. Eines zeigt meinen Vater, wie er vor dem Haus steht, mit einem Glas Bier in der Hand. Er ist vor zehn Jahren gestorben. Ich habe ihn nicht oft besucht.
„Du wirst es irgendwann bereuen", sage ich, und meine Stimme bricht. „Wenn du allein bist und niemand sich um dich kümmert."
„Ich bin nicht allein. Ich habe die Tiere. Und ich habe mich noch nie einsam gefühlt. Aber du? Wann hast du das letzte Mal mit jemandem geredet, ohne dass es um Geld ging?"
Ich greife nach meiner Jacke. „Ich gehe jetzt. Und ich komme nicht wieder. Ich schwöre es dir."
„Dann geh. Aber lass die Tür nicht offen, sonst kommen die Katzen rein."
Ich knalle die Tür so zu, dass das Glas in der Veranda wackelt. Der Hund bellt, die Hühner flattern. Ich steige ins Auto und fahre los. Im Rückspiegel sehe ich meine Mutter am Fenster stehen. Sie wendet sich ab, bevor ich aus der Einfahrt bin.
Die Fahrt zurück dauert zwei Stunden. Ich fahre durch die Eifel, vorbei an Windrädern und leeren Feldern. Mein Handy klingelt. Es ist Kevin. Ich gehe nicht ran.
Zu Hause erwartet mich meine Frau. Ihre Augen sind gerötet. „Was hat sie gesagt?"
„Sie will nicht. Sie will ihre Katzen behalten."
„Und was machen wir jetzt? Die haben gedroht, Kevin zu besuchen."
„Wir verkaufen unser Auto. Und ich nehme einen Kredit auf meinen Namen. Aber ich werde nicht mehr zu meiner Mutter fahren. Nie wieder."
Meine Frau sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren. „Das Auto ist doch kaum noch was wert."
„Dann eben die Waschmaschine. Oder ich arbeite nachts. Aber ich bettle nicht mehr."
Ich halte mein Versprechen. Vier Monate lang melde ich mich nicht. Kevin zahlt seine Schulden ab, langsam, Raten von 400 Euro im Monat. Er hat einen Job in einer Lagerhalle angenommen. Es reicht nicht, aber die Typen sind vorerst weg.
Eines Abends ruft meine Mutter an. Ich zögere, dann nehme ich ab. „Ja?"
„Hallo, Markus. Ich wollte nur sagen, dass es mir gut geht. Der neue Nachbar hilft mir im Garten. Er hat den Zaun repariert und die Hecke geschnitten. Die Katzen mögen ihn."
„Das ist schön."
„Er ist der Neffe vom alten Breuer, der im Frühjahr gestorben ist. Ich habe ihm die Schlüssel gegeben. Er wohnt jetzt nebenan. Ein ruhiger Mann."
„Ich muss los, Mama. Die Arbeit."
„Natürlich. Ich wollte nur hören, wie es dir geht. Und Kevin?"
„Er arbeitet. Es wird besser."
„Das freut mich. Pass auf dich auf."
Sie legt auf. Ich sitze da, das Handy in der Hand. Dann öffne ich die Banking-App und überweise 200 Euro an meine Mutter. Verwendungszweck: „Für die Katzen." Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil ich es nicht aushalte, nichts zu tun.
Monate vergehen. Ich fahre nicht hin. Aber ich überweise jeden Monat 200 Euro. Meine Mutter ruft nicht mehr an. Manchmal schickt sie mir ein Foto von den Katzen, aufgenommen mit ihrem alten Handy. Ich antworte nicht, aber ich speichere die Bilder in einem eigenen Ordner.
Ein Jahr später, im Herbst, finde ich beim Aufräumen meiner Werkstatt einen alten Brief. Er steckt in einer Kiste mit meinen Jugendzeitschriften. Meine Mutter muss ihn vor Jahren hineingelegt haben, als ich noch zu Hause wohnte. Die Adresse ist mit Bleistift geschrieben, an mich. Ich öffne ihn.
„Mein lieber Markus", steht da. „Wenn du das liest, bin ich vielleicht schon tot. Ich wollte dir das Haus überschreiben, solange ich lebe, damit du keine Erbschaftssteuer zahlen musst. Aber ich habe gezögert, weil ich Angst hatte, du würdest mich in ein Heim stecken, sobald das Haus dir gehört. Ich habe mich nicht getraut, es dir zu sagen. Vielleicht war das falsch. Ich liebe dich, auch wenn du es nicht glaubst. Deine Mutter."
Der Brief ist datiert auf den 12. März, drei Monate vor unserem letzten Streit. Ich denke an das Zimmer, das ich ihr angeboten habe, an die durchgelegene Matratze und die Autobahn vor dem Fenster. Sie hat nicht das Zimmer abgelehnt. Sie hat die Angst abgelehnt, von der ich nichts wusste.
Ich falte den Brief zusammen und lege ihn in die Schublade, in der ich die Überweisungsbelege aufhebe.
Am selben Abend öffne ich die App noch einmal und überweise 2.400 Euro. Zwölf Monate zu 200, die ich ihr in Wahrheit längst schuldete, weil ein Zettel am Kühlschrank keine Rate ist. Verwendungszweck: „Für den Tierarzt, im Voraus, das ganze Jahr."
Dann schließe ich die App, hole ein Bier aus dem Kühlschrank und öffne auf dem Handy den Ordner mit den gespeicherten Katzenfotos. Auf dem letzten sitzt eine der Katzen auf dem Küchentisch, direkt neben der schiefen Uhr, die immer noch tickt.
