Es klingelte um kurz nach sieben, als Miriam gerade den Abwasch vom Abendessen machte. Sie trocknete die Hände am Geschirrtuch ab, hängte es über die Ofenstange und ging in den Flur. Durch den Spion sah sie Stefan, dahinter eine junge Frau mit zwei riesigen Rollkoffern. Sie machte die Tür auf.
„Das ist Nadine. Sie wohnt ab jetzt hier, bis wir die Scheidung und den Verkauf geklärt haben“, sagte Stefan, ohne sie anzusehen. Er schob die Koffer über die Schwelle, als wäre er der Hausherr.
Miriam lehnte sich an den Türrahmen. Im Treppenhaus roch es nach Kohl und Bohnerwachs. Die Nachbarin von gegenüber, Frau Kowalski, ließ ihren Dackel kurz vor die Tür, das Halsband klirrte.
„Schuhe aus“, sagte Miriam. „Der Dielenboden ist frisch geölt.“
Stefan zögerte, dann zog er die Schnürsenkel auf. Nadine stand noch draußen, die Schultern hochgezogen, als wäre der Hausflur kälter als ihr eigenes Zuhause.
Miriam ging in die Küche zurück, spülte den Lappen aus, wrang ihn aus, legte ihn über den Wasserhahn. Dann drehte sie sich um.
„Euer Zimmer ist hinten. Ich nehme das Wohnzimmer.“
Stefan lachte auf. „Du willst hierbleiben? Mit uns?“
Sie nahm den Wasserkocher, füllte ihn, stellte ihn auf den Sockel. Das Kabel war etwas zu kurz, der Stecker wackelte in der Dose.
„Ich habe ein Drittel an dieser Wohnung“, sagte sie. „118 Quadratmeter in Plagwitz. Das sind, laut letzter Schätzung, rund 480.000 Euro. Mein Anteil: 160.000. Ich verschenke nichts.“
Nadine sah Stefan an, als erwarte sie, dass er die Sache übernimmt. Stefan schob die Hände in die Taschen.
„Du bist verrückt“, sagte er.
Miriam drückte den Knopf am Wasserkocher. Das Gerät summte. „Möglich. Aber ich bin nicht die, die mit zwei Koffern vor fremder Tür steht.“
Die erste Nacht verbrachte sie auf dem Ausziehsofa im Wohnzimmer, dem Raum, durch den alle mussten: zum Bad, zur Küche, zur Schlafzimmertür. Sie hatte ihr Kissen und die Daunendecke aus dem alten Schrank geholt. Die Straßenbahnlinie 14 fuhr draußen vorbei, die Fenster klirrten leise.
Am nächsten Morgen stand sie um sechs auf, duschte, föhnte sich, zog sich an, alles ohne Eile. Um sieben klopfte Nadine an die Badezimmertür.
„Ich muss auch mal“, rief sie.
Miriam trug Lippenstift auf, betrachtete sich im Spiegel über dem Waschbecken, wo der Silberbelag an den Rändern blind war, und machte die Tür auf.
„Der Abfluss ist langsam“, sagte sie. „Das Wasser steht noch. Dauert, bis es abläuft.“
Nadine quetschte sich vorbei. Zehn Sekunden später kam ein Schrei aus dem Bad. Miriam stand in der Küche und kochte Kaffee. Sie hatte am Vorabend sämtliche Tiegel und Fläschchen, die Nadine auf die Glasablage gestellt hatte, in einen blauen Müllsack geräumt und auf die Waschmaschine gelegt.
Stefan stürmte in die Küche, das Hemd halb offen. „Was soll das? Ihre Sachen im Müll?“
„Ich teile mein Bad nicht mit fremden Leuten“, sagte Miriam. „Sie kann ihre Kosmetik in eurem Zimmer lagern. Und Kaffee ist meiner.“
Sie nahm den Kaffee vom Herd, goss sich eine Tasse ein, stellte die Kanne in den Schrank. Stefan griff nach der Tasse, aber Miriam zog sie weg.
„Ich koche nur für mich und Lukas.“
Lukas, ihr Sohn, zwanzig, kam aus seinem Zimmer, die Kopfhörer um den Hals. Er sah die Koffer, die fremde Frau, den Vater, die Mutter mit der Kaffeetasse.
„Was wird das hier?“, fragte er.
„Dein Vater hat Besuch, der lange bleibt“, sagte Miriam.
Lukas musterte Stefan, der plötzlich kleiner wirkte. „Soll ich die Koffer in den Hof werfen?“
„Nein. Er hat ein Drittel. Wir halten uns an Recht und Gesetz.“ Miriam stellte die Tasse ab. „Du hast um zehn die Prüfung. Geh duschen.“
Lukas zuckte mit den Schultern und verschwand im Bad. Stefan stand da, die Hände zu Fäusten geballt, sagte aber nichts.
In den nächsten Tagen wurde die Wohnung zu einem Minenfeld. Miriam arbeitete am Esstisch im Wohnzimmer, der jetzt als Schreibtisch diente. Ihr Laptop, die Steuerunterlagen, zwei Ordner mit der Aufschrift „Finanzamt“ lagen immer griffbereit. Jedes Mal, wenn Nadine oder Stefan das Wohnzimmer durchqueren wollten, saß Miriam da, tippte, telefonierte oder las. Der Fernseher lief auf niedriger Lautstufe, meistens Nachrichten oder eine Gerichtsshow.
Stefan und Nadine bestellten Essen: Pizza, Sushi, Döner. Die leeren Kartons stapelten sich. Am vierten Tag stellte Miriam die Kartons fein säuberlich vor die Schlafzimmertür. Stefan stolperte am Morgen darüber, fluchte, trat gegen die Wand.
„Dein Müll, dein Problem“, sagte Miriam, ohne aufzusehen.
Das Schlimmste für Stefan war das Essen. Miriam kochte jeden Abend: Kartoffelsuppe mit Würstchen, Rinderrouladen, Bratkartoffeln mit Spiegelei. Der Duft zog durch die Wohnung. Sie deckte den Tisch für sich und Lukas, sie aßen, redeten über sein Studium an der HTWK, über die Reparatur am Fahrrad. Stefan saß im Schlafzimmer, aß kalten Döner vom Vortag, trank Leitungswasser.
Nadine versuchte einmal, sich eine Tiefkühlpizza zu machen. Danach war der Backofen mit Käse verkrustet, die Pfanne angebrannt. Am nächsten Morgen fehlten alle Töpfe, Pfannen, Teller, Besteck. Die Küchenschränke waren leer. Nadine riss die Schranktüren auf, fand nichts, rannte zu Stefan.
„Wo ist das ganze Zeug?“
Stefan brüllte ins Wohnzimmer: „Miriam! Wo ist die Küchenausstattung?“
Miriam saß auf dem Sofa, hatte die Beine hochgelegt. „Die habe ich in Kartons unter dem Bett. Die gehören mir und Lukas. Ihr macht Dreck, also benutzt euer eigenes Zeug.“
Stefan drohte mit Anwalt, mit Polizei, mit allem. Miriam zuckte mit den Schultern. „Die Rechnungen habe ich im Ordner. Die Pfannen waren ein Geschenk meiner Schwester. Viel Spaß beim Beweis des Gegenteils.“
In der zweiten Woche begann Nadine zu leiden. Sie konnte nicht mehr lange duschen, weil Miriam jedes Mal anklopfte, wenn sie die Waschmaschine beladen musste. Sie konnte nicht in Unterwäsche durch die Wohnung laufen, weil Lukas im Flur stand und sie mit leerer Miene ansah. Sie hatte kein Internet, weil Miriam den Router auf ihren Namen umgemeldet und das Passwort geändert hatte.
Dann kam der Montag.
Stefan zog seinen Mantel an, Nadine stand im Nachthemd da, wollte ihn verabschieden. Miriam kam aus der Küche, einen neuen Schlüssel in der Hand, blank poliert.
„Der alte Zylinder hat geklemmt“, sagte sie. „Hab am Wochenende den Schlüsseldienst kommen lassen. Dein Exemplar.“ Sie reichte Stefan den Schlüssel.
Stefan nahm ihn misstrauisch. „Und Nadine?“
„Nadine bekommt keinen. Sie ist hier nicht gemeldet, hat keinen Miteigentumsanteil. Sie ist Gast.“
„Sie wohnt hier mit mir!“
Miriam verschränkte die Arme. „Nach § 744 BGB wird die Verwaltung des gemeinschaftlichen Eigentums von allen Teilhabern gemeinschaftlich ausgeübt. Ich stimme der Anwesenheit fremder Personen nicht zu. Lukas auch nicht. Wenn du gehst, ist sie unbefugt hier. Dann rufe ich die Polizei.“
Nadine wurde blass. „Stefan, was redet die da?“
Stefan lachte nervös. „Und was willst du machen? Die 110 wählen?“
Miriam zog ihr Handy aus der Hosentasche. „Genau.“
Stefan ging zur Tür. „Bleib drin, schließ ab. Wir sehen uns heute Abend.“ Die Tür fiel ins Schloss.
Miriam schloss den neuen Zylinder ab, drehte den Schlüssel zweimal. Dann tippte sie auf dem Handy.
„Hallo? Polizeirevier Leipzig-Südwest? Ja, hier ist Miriam Hartmann, ich wohne in der Karl-Heine-Straße 82. In meiner Wohnung hält sich eine fremde Frau auf, die nicht gehen will. Ich bin Miteigentümerin, der andere Miteigentümer ist nicht da. Ja, ich habe Angst um meine Unterlagen und den Schmuck. Ich warte.“
Nadine rannte ins Schlafzimmer, wählte Stefans Nummer. Der ging nicht ran. Sie riss den Koffer vom Schrank, stopfte Klamotten hinein, kam zurück in den Flur, als es klingelte.
Miriam öffnete. Zwei Polizisten standen da, einer jung mit Tablet, einer älter mit Kaffee in der Hand.
„Sie haben angerufen?“
Miriam zeigte ihren Personalausweis, den Grundbuchauszug, die Meldebescheinigung. „Diese Frau hat keinen Wohnsitz hier, kein Mietverhältnis, keine Zustimmung der Eigentümergemeinschaft. Ich möchte, dass sie die Wohnung verlässt.“
Der jüngere Beamte wandte sich an Nadine. „Ihren Ausweis bitte. Sind Sie hier gemeldet? Haben Sie einen Untermietvertrag?“
Nadine begann zu zittern. „Ich bin die Freundin von Stefan, er hat mir erlaubt…“
„Ist Herr Hartmann anwesend?“
„Nein, er ist auf Arbeit.“
Der Beamte seufzte. „Dann müssen Sie die Wohnung jetzt verlassen. Wenn Sie sich weigern, kommt die Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie.“
Nadine schluchzte, zog sich den Mantel über, riss den Koffer hoch. An der Tür drehte sie sich um. „Das wirst du bereuen“, zischte sie.
Miriam machte die Tür zu, schloss ab, ging in die Küche und setzte Teewasser auf.
Draußen war es Anfang November, nasskalt, der Wind zog durch die Straßenschluchten. Nadine hatte kein Geld für ein Café, sie lief die Karl-Heine-Straße rauf und runter, setzte sich in den Lindenauer Hafen auf eine Bank, bis die Füße taub wurden. Sie rief Stefan zwanzigmal an, erreichte ihn erst mittags. Er sagte, er könne nicht früher weg, er habe einen Termin beim Autozulieferer.
Als er abends nach Hause kam, saß sie auf der Treppe vor der Haustür, die Nase rot, die Hände in den Ärmeln. Sie sprang auf.
„Deine bescheuerte Frau hat die Polizei gerufen! Ich saß acht Stunden draußen! Ich bin fast erfroren!“
Stefan versuchte sie zu beruhigen, zog sie in die Wohnung, wollte Miriam zur Rede stellen. Aber Miriam saß mit Lukas auf dem Sofa, Lukas hatte einen Schraubenschlüssel in der Hand, drehte ihn zwischen den Fingern. Stefan blieb stehen.
„Wenn sie noch einmal ohne dich hier bleibt, rufe ich wieder die Polizei“, sagte Miriam. „Du kannst dir freinehmen. Aber sobald du rausgehst, geht sie mit.“
Am Dienstag und Mittwoch stand Miriam jeden Morgen um acht im Flur, während Nadine die Stiefel anzog. Nadine verbrachte die Tage im Einkaufszentrum, auf der Toilette eines Baumarkts, in der Stadtbibliothek. Sie bestellte sich einen Tee und saß über einem Buch, das sie nicht las. Ihr letztes Geld ging für einen Döner und ein Busticket drauf.
Am Donnerstagabend kam Stefan wütend nach Hause. Die Firma hatte Ärger gemacht, das Auto brauchte neue Bremsen, und in der Wohnung roch es nach Miriams Linseneintopf. Nadine lag im Schlafzimmer, in eine Decke gewickelt, schniefte.
„Ich halte das nicht mehr aus“, sagte sie. „Miete uns eine Wohnung. Irgendwas. Ein Zimmer.“
Stefan lockerte die Krawatte. „Womit? Ich hab den Kredit für den Wagen. Und die Mieten hier liegen bei zwölf Euro kalt. Für eine Zwei-Zimmer-Wohnung sind das mindestens achthundert. Plus Kaution. Das hab ich nicht.“
Nadine setzte sich auf. „Dann sorg dafür, dass die Schlampe verschwindet! Das ist deine Wohnung! Du bist der Mann!“
Stefan hob die Hand, ließ sie wieder sinken. „Halt den Mund. Die Nachbarn hören zu. Und Lukas ist im Nebenzimmer.“
„Mir egal!“ Nadine schleuderte ein Kissen an die Wand. „Ich bin nicht deine Haushälterin. Ich dachte, du hast das im Griff. Stattdessen lässt du dich von deiner Ex vorführen. Weißt du was? Ich geh. Such dir eine, die sich das gefallen lässt.“
Sie zerrte den Koffer unter dem Bett hervor, warf Kleider hinein, fluchte. Stefan versuchte, sie festzuhalten, aber sie stieß ihn weg, zog den Koffer hinter sich her in den Flur.
Miriam stand im Wohnzimmer, eine Tasse Pfefferminztee in der Hand, das Gesicht entspannt.
Nadine blieb stehen, keuchte. „Zufrieden? Du hast gewonnen.“
Miriam trank einen Schluck. „Ich habe nur mein Zuhause verteidigt. Gute Reise. Und zieh dir was Warmes an, es hat minus zwei Grad.“
Die Tür knallte. Im Treppenhaus bellte der Dackel.
Stefan stand im Flur, die Schultern hingen. Er sah alt aus, die Haare dünner als noch vor zwei Wochen. Er drehte sich zu Miriam.
„Miriam… vielleicht war das alles ein Fehler. Lass uns das vergessen. Ich schlaf auf der Couch, wir reden…“
Miriam stellte die Tasse auf die Kommode. „Nein, Stefan. Ich habe heute Morgen den Scheidungsantrag beim Amtsgericht Leipzig eingereicht. Aktenzeichen 13 F 248/24. Und ich habe einen Makler beauftragt. Die Wohnung wird verkauft. Dein Drittel, 160.000 Euro, bekommst du nach Abzug der Kosten. Davon kannst du dir eine Eigentumswohnung in Grünau leisten oder was auch immer.“
Stefan sah sie fassungslos an. „Du kannst das nicht tun! Das ist mein Zuhause!“
„Es war unser Zuhause. Bis du jemanden mitgebracht hast.“ Miriam öffnete die Schranktür, holte eine Mappe heraus. Auf dem Deckel stand: „Wohnungsverkauf“. Sie legte sie auf den Tisch. „Hier ist die Vereinbarung. Der Notartermin ist nächste Woche Donnerstag, 15 Uhr, in der Kanzlei Baumgarten in der Innenstadt. Wenn du nicht kommst, beantrage ich die Teilungsversteigerung. Dann wird es teurer für dich.“
Stefan nahm die Mappe, blätterte, die Hände zitterten. Er sah die Zahlen, die Unterschrift von Miriam, die von Lukas. Er schloss die Mappe.
„Und was soll ich tun?“
„Das ist nicht mehr mein Problem.“ Miriam nahm ihre Teetasse, ging ins Wohnzimmer zurück, schloss die Tür hinter sich.
Sie setzte sich auf das Sofa, auf dem sie seit zwanzig Tagen schlief, und sah aus dem Fenster. Die Straßenbahn fuhr vorbei, die Scheiben klirrten. In der Küche summte der Kühlschrank. Von draußen hörte man den Wind.
Am nächsten Morgen packte sie den Laptop in die Tasche, nahm den Ordner „Finanzamt“ und den Ordner „Wohnungsverkauf“ unter den Arm. Sie zog den Mantel an, steckte den neuen Schlüssel ein, den einzigen, der jetzt noch passte, und ging zur Tür.
Stefan stand im Flur, unrasiert, im Schlafanzug. „Wo gehst du hin?“
„Zur Bank. Ich muss die Unterlagen für den Verkauf vorbereiten. Und dann schaue ich mir eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Gohlis an. 63 Quadratmeter, Balkon, für Lukas und mich. Der Kaufpreis liegt bei 230.000. Mein Anteil reicht fast. Den Rest finanziere ich.“
Sie drückte die Klinke herunter, trat auf den Treppenabsatz. Der Dackel von Frau Kowalski kläffte hinter der Wohnungstür.
„Miriam, warte!“ Stefan trat hinterher. „Ich hab kein Geld für eine neue Wohnung. Die 160.000 reichen hinten und vorn nicht. Und die Miete…“
Miriam drehte sich nicht um. Sie ging die Treppe hinunter, die Absätze klackten auf den Stufen. Am Fuß der Treppe blieb sie stehen, holte den Schlüsselbund hervor, betrachtete den neuen Schlüssel, an dem noch der Preisanhänger vom Schlüsseldienst hing, 27,50 Euro. Dann steckte sie ihn in die Manteltasche.
Sie trat auf die Straße, der Novemberwind fuhr ihr durchs Haar. Von links kam die Linie 14. Sie ging zur Haltestelle, ohne zurückzusehen.
In der Bahn tippte sie die Banking-App auf dem Handy an, gab die Überweisung frei. Reservierungsgebühr für die Wohnung in Gohlis: 2.300 Euro. Die Bestätigung leuchtete auf dem Display. Sie legte den Ordner auf den Schoß, auf dem „Wohnungsverkauf“ stand, und klappte ihn auf. Die erste Seite war der Notarvertrag, auf der letzten Zeile ihre Unterschrift, sauber und fest.
